@HTAI, 08.05.2018 Stimmen zum Brexit

Klare Worte im Durcheinander – Heiner Beckmann im Gespräch über den Brexit

Was macht das Hin und Her um den Brexit mit dem unternehmerischen Selbstverständnis? Heiner Beckmann, Geschäftsführender Gesellschafter von delta pronatura, Hersteller der bekannten Dr. Beckmann Fleckenteufel, findet im Gespräch deutliche Worte.

Heiner Beckmann, Geschäftsführender Gesellschafter der delta pronatura Dr. Kraus & Dr. Beckmann KG © Salome Roessler

Dr. Beckmann, Bullrich, Blistex – delta pronatura ist eine Erfolgsgeschichte im deutschen Konsumgütermarkt. Der unabhängige hessische Mittelständler ist mit seinen Produkten in über 80 Ländern weltweit präsent und befindet sich konstant auf Wachstumskurs. 

Der Motor des internationalen Erfolges ist Heiner Beckmann. 1974 steigt er in das familiengeführte Unternehmen ein und setzt auf die Mischung aus starker Spezialisierung in den Produkten und Internationalisierung in der Ausrichtung.

„Der Brexit ist eine Katastrophe“

Bei einer solch starken Konzentration auf internationale Märkte, wie war da die Reaktion auf die Brexit-Abstimmung im Juni 2016 und welche Bedeutung hat Großbritannien als Markt für das Unternehmen?

Ich dachte, das kann doch gar nicht wahr sein. Keiner hat damit gerechnet, ich glaube, selbst die englische Regierung nicht.

HEINER BECKMANN, Geschäftsführender Gesellschafter der delta pronatura Dr. Kraus & Dr. Beckmann KG

Heiner Beckmann im Gespräch © Salome Roessler

England ist für uns der wichtigste Auslandsmarkt nach Deutschland.

HEINER BECKMANN, Geschäftsführender Gesellschafter der delta pronatura Dr. Kraus & Dr. Beckmann KG

Heiner Beckmann im Gespräch © Salome Roessler

„England ist für uns der wichtigste Auslandsmarkt nach Deutschland, und das mit weitem Abstand“, sagt Heiner Beckmann zum Gesprächseinstieg. Zudem hat das Unternehmen Marketing, Vertrieb und Produktion in der Nähe von Manchester. Beide Firmen beschäftigen jeweils etwa 40 Mitarbeiter. Entsprechend ungläubig fiel die erste Reaktion auf die Brexit-Abstimmung im Juni 2016 aus: „Ich dachte, das kann doch gar nicht wahr sein. Keiner hat damit gerechnet, ich glaube, selbst die englische Regierung nicht. Die Abstimmung war eine wahlkampftaktische Entscheidung und hat dann in der Konsequenz zu dieser Katastrophe geführt“, so Beckmann.

Von Anfang an nimmt Heiner Beckmann kein Blatt vor den Mund und macht auf die Auswirkungen aufmerksam, die der Brexit mit sich bringen wird. Und ist in dieser Deutlichkeit eine Ausnahme. „Selbst heute sagen ja viele noch, dass der Brexit kaum Auswirkungen haben wird“, wundert sich der Unternehmer. Er sieht seine erste Einschätzung aber bis heute bestätigt: „Der Brexit ist eine Katastrophe. Jeden Tag liest man in der Zeitung, dass keine Lösung in Sicht ist. Ich kann aber nicht bis zum letzten Moment warten, wenn ich unternehmerische Entscheidungen treffen muss.“

Das Lager in Egelsbach: aus Hessen in über 80 Länder weltweit. © Salome Roessler
Wie umgehen mit der Ungewissheit?

Besonders belastet den Unternehmer die Ungewissheit, wie es in den Brexit-Verhandlungen weitergeht. Denn der Alltag vor Ort in der Produktionsstätte muss ja weiterlaufen. Und das ist auch die große Hoffnung, nämlich dass es vor Ort weitergehen kann: „Ich hoffe, dass ich weiter in Großbritannien produzieren kann, denn ich möchte ja niemanden entlassen. Aber ich weiß ja nicht, was mit meinen Mitarbeitern vor Ort passiert.“ 

Wie auch in der heimischen Produktion in Egelsbach sind dort vor allem Ausländer beschäftigt. „Das schafft natürlich eine große Unruhe, denn was mit dem Verbleib dieser Mitarbeiter passiert, das steht in den Sternen. Und auch wenn ich nach wie vor auf eine Lösung hoffe, muss ich natürlich über Alternativen nachdenken“, sagt Beckmann. Konkret könnte dies bedeuten, dass das Unternehmen seine Produktion aus Großbritannien zurück nach Deutschland holt, wenn die Mitarbeiter ihren Aufenthaltsstatus verlieren und ausgewiesen werden. Marketing und Vertrieb wären nicht betroffen, denn die Produkte bleiben ja weiterhin im Markt vertreten, aber es beträfe die 40 Mitarbeiter in der Produktion vor Ort.

Der Familienunternehmer Beckmann setzt auf eine langfristige Bindung der Mitarbeiter. © Salome Roessler

Dass diese Überlegungen für den Unternehmer Beckmann schmerzhaft sind, ist deutlich zu spüren: „Ich habe dort gute Mitarbeiter, und die zu ersetzen, das würde mir schwerfallen. Denn wir müssen ehrlich sagen, englische Mitarbeiter für die Produktion zu finden ist schwierig.“


Das schafft natürlich große Unruhe.

HEINER BECKMANN, Geschäftsführender Gesellschafter der delta pronatura Dr. Kraus & Dr. Beckmann KG


Unternehmensinformation

Delta pronatura Dr. Kraus & Dr. Beckmann KG mit Sitz in Egelsbach, in der Nähe von Frankfurt, ist ein inhabergeführtes Unternehmen mit weltweit mehr als 350 Mitarbeitern, über 200 davon in Deutschland. Die Wurzeln des Unternehmens liegen in Berlin, wo 1934 mit Herstellung und Verkauf von DDD Hautbalsam begonnen wurde. Heute gehören neben den bekannten Marken wie Dr. Beckmann, Bullrich, Blistex und Bi Oil noch weitere zum umfangreichen Produktportfolio. Höchster Qualitätsanspruch und der Mut, als inhabergeführtes Unternehmen international zu denken, haben zur Erfolgsgeschichte beigetragen. Delta pronatura Dr. Kraus & Dr. Beckmann KG ist heute weltweit in 80 Ländern vertreten.

Zur Website von delta pronatura


Der Brexit kann zur Standortfrage werden

Die Produktion in Großbritannien wurde vor zehn Jahren gekauft, aber schon vorher hat man dort produziert: „Die Mitarbeiter sind zum Teil seit 20 bis 30 Jahren dort beschäftigt. Sie haben Familien und ihre Existenz dort. Das ist eine tiefe Verbundenheit. Das Unternehmen in Großbritannien feiert 2019 sein 100-jähriges Jubiläum. Und es wäre schmerzlich, gerade im Jahr dieses großen Jubiläums die Firma schließen zu müssen.“

Erfolgsprodukt Fleckenteufel © Salome Roessler
Internationale Haushaltshelfer © Salome Roessler
Marktführer aus Egelsbach © Salome Roessler

Es sind nicht so sehr Fragen um Zölle, die den Unternehmer bedrücken – es wird sicherlich schwieriger, aber das, so ist sich Beckmann sicher, lässt sich lösen. Es ist die menschliche Dimension des Brexits, die hier zur Diskussion steht. Beckmann drückt seine Sorgen so aus: „Wenn ich mit meinen Mitarbeitern vor Ort spreche, haben die einfach Angst um ihren Arbeitsplatz. Und ich kann nicht mit Überzeugung sagen, dass der Arbeitsplatz sicher ist. Was ich dagegen hier in Egelsbach natürlich machen und sagen kann. Und ich bin mir sicher, dass angesichts der ungewissen Lage der eine oder andere in den nächsten Monaten aufgeben wird.“

Es sind klare Worte, die Heiner Beckmann im Gespräch findet. Es schwingt eine nachdenkliche Note mit. Und es zeigt sich, dass die Diskussionen und Verhandlungen rund um den Brexit bereits jetzt die Ebene des Theoretischen verlassen haben, wenn sich die Ungewissheit konkret auf die Produktionsfähigkeit eines Unternehmens auswirkt.

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