@HTAI, 28.10.2021 Stimmen zum Brexit

„Da ist Musik drin“

Finanzwirtschaft, Digitalwirtschaft, Brexit: Aufbruchsstimmung ist in Irland ein bekanntes Gefühl. Mit der Post-Brexit-Ära und einer vorsichtigen Annäherung an Prä-Covid-Gegebenheiten ist dieser Optimismus zurück und rückt die Grüne Insel erneut in den Fokus. Damit zeigt Irland großes Potenzial, gerade auch für hessische Unternehmen. Darüber sprachen wir mit David Parkmann, Head of International bei der Deutsch-Irischen Industrie- und Handelskammer.

David Parkmann, AHK Irland.
Sieht großes Potenzial in der Neuorientierung Irlands in Richtung Kontinentaleuropa: David Parkmann, Head of International bei der Deutsch-Irischen Industrie- und Handelskammer. © AHK Ireland

„Da ist Musik drin“, antwortet David Parkmann prompt auf die Frage, wie die Stimmung in Irland dieser Tage ist. Sein Blick auf Irland ist unverstellt – seit einigen Monaten ist er in Dublin, nach langen Stationen in Tschechien und zuvor Bosnien-Herzegowina. Das sorgt für eine sehr europäische Perspektive beim Blick auf die Entwicklung, die sich in Irland nach dem EU-Austritt Großbritanniens vollzieht. Parkmann sagt, dass es ein spannendes Bild mit viel Dynamik ist, das sich hier vor Ort zeichnet.

Der Brexit hat eine Verschiebung bewirkt. Traditionell war das Vereinigte Königreich Irlands wichtigster Wirtschaftspartner, und so ging der Blick eher Richtung London oder auch in die USA. Über eine Milliarde Euro betrug der Wert des wöchentlichen Warenverkehrs zwischen Irland und dem UK vor dem Brexit. Historisch, regional, sprachlich – auch von außen betrachtet sah man die Nachbarn so nah, dass das Irland-Geschäft ausländischer Unternehmen oft von London aus mitbetreut wurde. 

Diese Wahrnehmungen verschieben sich jetzt, es muss umgedacht werden. David Parkmann berichtet, dass die irische Perspektive Kontinentaleuropa stärker in den Fokus nimmt, und umgekehrt geschieht etwas, was sich die Iren in ihren Wirtschaftsbeziehungen schon lange gewünscht hätten: „Irland ist natürlich ein übersichtlicher Markt mit gut 5 Millionen Einwohnern. Aber es ist ein interessanter Markt mit Potenzialen für Unternehmen aus den Bereichen IT und Software, Pharma, Biotech, Medizintechnik, Finanzdienstleistungen und Agrarwirtschaft. Man hat sich aus irischer Perspektive immer daran gestört, oft als Insel hinter der Insel wahrgenommen zu werden.“

Hessische Perspektiven in Irland

Für hessische Unternehmen bieten sich spannende Perspektiven, das sieht man auch in der Politik. Lucia Puttrich, Hessische Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten, bringt die Bedeutung Irlands für hessische Unternehmen auf den Punkt: 

„Irland gehört zum europäischen Binnenmarkt und ist damit ein wichtiger Handelspartner für die hessische Wirtschaft. Jedes Jahr exportiert die hessische Wirtschaft Waren im Wert von etwa 400 Mio. Euro nach Irland. Bestand vor dem Brexit beim Handel noch eine enge Verflechtung zwischen Irland und Großbritannien, sorgen neu erhobene Zölle und bürokratische Hemmnisse zunehmend dafür, dass sich irische Unternehmen neu orientieren. Diese Chance können wir nutzen. Dabei helfen die Vorteile des europäischen Binnenmarktes, wie Zollfreiheit, Kapital- und Niederlassungsfreiheit sowie gemeinsame technische Standards in vielen Bereichen. Wesentlich dafür wird sein, dass der Handelsaustausch zwischen Irland und Deutschland nicht aufgrund der besonderen geografischen Gegebenheiten Irlands gestört wird, denn bisher liefen viele Warenströme über Großbritannien nach Kontinentaleuropa. Das ist ebenso eine Herausforderung wie die bisher noch ungeklärte Fragestellung der EU-Außengrenze zwischen Irland und dem Vereinigten Königreich.“

Samuel Beckett Bridge in Dublin after sunset
Irland: keine Insel hinter der Insel, sondern ein spannender Markt, der „made in Germany“ schätzt. © istockphoto.com /Nieves Mares Pagan

Jedes Jahr exportiert die hessische Wirtschaft Waren im Wert von etwa 400 Mio. Euro nach Irland.

LUCIA PUTTRICH, Hessische Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten

David Parkmann stützt diese positive Einschätzung und ermutigt hessische Unternehmen, Irland stärker in den Blick zunehmen: „Made in Germany genießt einen guten Ruf in Irland. Qualität und Zuverlässigkeit sind Werte, die irische Unternehmen an deutschen Partnern schätzen. Für hessische Zulieferer liegen hier große Potenziale. Von den über 4.400 Produktgruppen, die Irland bisher aus dem Vereinigten Königreich importiert hat, werden die deutschen Alternativen zukünftig in über 61 Prozent der Fälle günstiger sein.“ 

Was hessische Unternehmen in Irland beachten sollten

Diese irische Dynamik gilt es zu nutzen. Wo liegen aber vielleicht Schwierigkeiten und Stolpersteine, die hessische Unternehmen im Blick haben sollten, wenn es sie nach Irland zieht? „Ein wichtiger Punkt beim Aufbau von Beziehungen mit irischen Partnern ist die Verbindlichkeit des Persönlichen, die Kommunikation auf Augenhöhe. Nehmen Sie sich Zeit für das Kennenlernen. Reden Sie nicht sofort über das Geschäft, sondern gönnen Sie sich 10 bis 15 Minuten für Smalltalk. Gerne auch über Deutschland, aus irischer Perspektive ist Deutschland noch nicht so vertraut und ein spannendes Thema. Voraussetzung ist dabei die Sprache. Irische Partner setzen einen Kontakt voraus, der fließend und auf gutem Niveau Englisch spricht, und dieses Sprachniveau sollte sich in Dokumenten, auf der Website und in Marketingmedien spiegeln.“

Parkmann weiß, wovon er spricht. Die Deutsch-Irische Industrie- und Handelskammer unterstützt Unternehmen bei der Anbahnung von Geschäftsbeziehungen nach Irland. Und das von der ersten Idee bis zur Unterstützung bei Steuerthemen oder der Mitarbeiterentsendung im Arbeitsalltag in Irland: „Unternehmen, die mit dem Gedanken spielen, ihre Beziehungen nach Irland auszubauen, sollten sich unsere Delegationsreisen anschauen, die jetzt wieder verstärkt angeboten werden. Das ist die einmalige Chance, Irland unter branchenspezifischen Aspekten kennenzulernen. Und das Angebot reicht von Reisen für Restaurierungsbetriebe über das Thema Energieeffizienz und Deutschen Wein bis hin zu grünem Wasserstoff. Vom Handwerksunternehmen bis zum Innovationsgestalter, hessische Unternehmen treffen in Irland auf beste Bedingungen. Grund genug, die Grüne Insel näher zu betrachten.“ 

Von den über 4.400 Produktgruppen, die Irland bisher aus dem Vereinigten Königreich importiert hat, werden die deutschen Alternativen zukünftig in über 61 Prozent der Fälle günstiger sein.

DAVID PARKMANN, Head of International, Deutsch-Irische Industrie- und Handelskammer

Sie bekommen das Update noch nicht?

Melden Sie sich hier an und bleiben Sie stets informiert.