@GTAI, 07.03.2018 Stimmen zum Brexit

Der Brexit in der Unternehmenspraxis in zehn wichtigen Fragen

Eine Tatsache inmitten vieler unbekannter Variablen: Mit dem Brexit werden sich die Handelsregeln zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich (VK) ändern. Unabhängig von konkreten Szenarien sollten sich Unternehmer schon jetzt einige grundsätzliche Fragen stellen und sich mit relevanten Themen vertraut machen. So können sie schnell handeln, sobald alle Details geklärt sind. Insbesondere sollten Unternehmer abschätzen, wie groß der Umstellungsaufwand wäre – und ob der britische Markt diesen Aufwand rechtfertigt.

von Oliver Döhne, Germany Trade & Invest Berlin

Ein starkes Pfund? Experten rechnen mit anhaltenden Wechselkurseffekten. © istockphoto.com/ georgeclerk

Wie stark werden meine Kunden im VK betroffen sein?

Einige Branchen leiden schon heute mehr als andere unter dem Brexit. Dazu gehört vor allem die Kfz-Industrie. Aber auch in vielen weiteren Branchen drohen Einschläge. Es ist ratsam, sich bei Abnehmern im VK zu erkundigen, wie sie die Lage einschätzen. Gleichzeitig sollten Unternehmer sich über geplante Standortverlagerungen und Investitionsprojekte sowie Absatzprognosen von Verbänden auf dem Laufenden halten. Sind Änderungen in der Wertschöpfungskette geplant? Wie entwickeln sich Kaufkraft, Wechselkurs und Inflation? „Der Brexit beißt zu, bevor er überhaupt stattgefunden hat“, sagt die GTAI-Marktbeobachterin in London, Annika Pattberg. „Schon jetzt sind negative Auswirkungen auf Gesamtkonjunktur, Investitionen, Produktion und Konsum zu beobachten.“

Wie preissensibel ist die Nachfrage nach meinen Produkten im VK?

Die Ausfuhr auf die Insel wird künftig einen höheren personellen, administrativen und finanziellen Aufwand erfordern. Folglich werden deutsche Firmen ihre Waren im VK zu höheren Preisen anbieten müssen. Unternehmer sollten deshalb schon jetzt kalkulieren, wie hoch der Aufschlag in etwa sein würde, und abschätzen, wie groß der preisliche Spielraum gegenüber der außereuropäischen Konkurrenz ist. Als Anhaltspunkt eignen sich die Zollsätze im aktuellen Zolltarif der EU, denn daran wird sich das VK voraussichtlich orientieren – jedenfalls zunächst. Selbst ein Freihandelsabkommen macht nicht zwangsläufig alle Waren zollfrei. Für bestimmte Produkte könnten begrenzte Einfuhrmengen gelten, die innerhalb eines festgelegten Zeitraums zollbegünstigt oder zollfrei eingeführt werden dürfen. Dazu kommen nichttarifäre Handelshemmnisse: So könnten auf Unternehmer neben mehr Bürokratie und längeren Wartezeiten auch neue Normen und Standards zukommen. Mehr dazu: Siehe übernächste Frage.

Ist Kompetenz für die zukünftige Zollabwicklung im Unternehmen vorhanden?

Selbst wenn es ein Freihandelsabkommen geben sollte, ist eine Zollabfertigung notwendig. Deutsche Unternehmen sollten deshalb prüfen, ob Mitarbeiter fortgebildet oder neu eingestellt werden müssen. Alternativ kann ein Zollagent eingeschaltet werden, dann reicht eine Grundlagenschulung. „Je nach Umfang des VK-Geschäfts lohnt es sich, die Zulassung als zugelassener Ausführer beim Zoll zu beantragen und über die Anschaffung eines entsprechenden IT-Systems nachzudenken“, sagt GTAI-Zollexpertin Stefanie Eich.

Wie zeitkritisch sind meine Produktlieferungen in das VK?

Unabhängig davon, ob es ein Folgeabkommen geben wird: Unternehmer müssen mit spürbaren Wartezeiten an den Grenzen rechnen. Dafür sorgen in einem Worst-Case-Szenario beispielsweise ausführliche Inspektionen wegen abweichender Normen und Standards, eigener Kennzeichnungs- und Produktsicherheitsvorschriften sowie von Verboten und Beschränkungen. Experten bezweifeln, dass das britische IT-Zollsystem diesen Aufgaben gewachsen ist und eine effiziente und zeitnahe Abfertigung gewährleisten kann. Personelle Engpässe könnten die Zollabfertigung weiter verzögern: Allein auf britischer Seite fehlen rund 5.000 Zollbeamte. Die Wartezeiten machen den gesamten Lieferprozess unvorhersehbar und erfordern zusätzliche Warenlager. „Zur Sicherheit sollten Unternehmer einkalkulieren, dass die Ware ab dem 29. März 2019 einige Zeit im Zoll hängen bleibt“, rät Annika Pattberg.

Der Brexit beißt zu, bevor er überhaupt stattgefunden hat. Schon jetzt sind negative Auswirkungen auf Gesamtkonjunktur, Investitionen, Produktion und Konsum zu beobachten.

ANNIKA PATTBERG, GTAI-Marktbeobachterin, London, UK

Gibt es alternative Bezugsquellen für Vorprodukte aus dem VK?

Unternehmer müssen sich darauf einstellen, dass auch die Einfuhr von Vorprodukten künftig teurer und umständlicher wird. Mehrteilige Produktionsprozesse können unwirtschaftlich werden, deshalb sollten Unternehmer über alternative Bezugsquellen aus anderen EU-Ländern nachdenken. Gleichzeitig lohnt es sich, den Wechselkurs in Auge zu behalten: Britische Vorprodukte werden bei einem schwachen Pfund Sterling tendenziell günstiger.

Ist mein VK-Geschäft ausreichend gegen Währungsschwankungen abgesichert?

Der Brexit verursacht starke Wechselkurseffekte, die sich aller Voraussicht nach fortsetzen werden. Wichtig ist eine genaue Analyse der eigenen Abläufe: Wie lang sind die Produktzyklen? Welche Risikobereitschaft besteht bei Währungsschwankungen? Welche Möglichkeiten gibt es, um sich gegen Schwankungen abzusichern? Annika Pattberg rät, mit starken Pfund-Wechselkursschwankungen zu rechnen. Wo Verträge nicht auf Eurobasis abgeschlossen werden können, können Vertragsparteien einen Währungskorridor vereinbaren und sich das Risiko teilen, falls der Korridor verlassen wird.

Welche steuerlichen Änderungen kommen auf mich zu?

„Die Anzahl möglicher steuerlicher Folgen des Brexits ist ebenso groß wie die der möglichen Verhandlungsergebnisse“, sagt Gunnar Pohl, Head of Tax Services bei der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer in London. Die Bandbreite reicht von Umsatzsteuerfragen bei Lieferungen ins VK bis zur Besteuerung von Wirtschaftsgütern, die aus der deutschen Zentrale ins VK überführt werden. Das Doppelbesteuerungsabkommen sollte der Brexit nicht betreffen. Sozialversicherungsrechtliche Erleichterungen wie beim Formular A1 könnten wegfallen.

Welchen Einfluss hat der Brexit auf meine laufenden Verträge?

„Besonders Brexit-gefährdet sind Dauerschuldverhältnisse wie Mietverträge, die über den März 2019 hinaus abgeschlossen sind“, sagt GTAI-Rechtsexperte Karl Martin Fischer. Ob solche Verträge infolge des Brexits angepasst oder sogar gekündigt werden können, hängt von vielen Faktoren ab. Unklar ist, ob Verträge, die als Geltungsbereich die EU definieren, das VK nach dem Brexit noch umfassen. „Hier ist Vorsicht geboten“, sagt Fischer. „Es sind nicht nur Verträge mit britischen Geschäftspartnern betroffen, sondern eventuell auch Verträge mit innerdeutschen Partnern, Schuldverhältnissen oder Partnern aus Drittländern, beispielsweise, wenn in einem Handelsvertretervertrag die EU als Vertriebsgebiet festgelegt wird.“

Auf welche gesellschaftsrechtlichen Änderungen muss ich mich einstellen?

Ist eine Haftungsbeschränkung nach dem Brexit noch wirksam, wenn eine Limited, die englische Form der GmbH, ihren Verwaltungssitz in Deutschland hat? „Vermutlich nicht“, sagt Fischer. „Die Limited wird als Personengesellschaft behandelt. Wenn das Geschäft weitergeführt werden soll, besteht Handlungsbedarf.“ Beispielsweise können die nach den Regeln des europäischen Rechts vereinfachten Möglichkeiten zur Sitzverlegung oder zur Verschmelzung zeitnah genutzt werden.

Hängt mein Geschäftsmodell davon ab, dass regelmäßig Mitarbeiter und Ausrüstung die Grenze passieren?

Für Unternehmer, die oft Mitarbeiter und Equipment über die Grenze schicken, wird sich womöglich einiges ändern. „Der Wegfall der freien Arbeitsmigration zwischen Vereinigtem Königreich und EU nach dem Brexit ist eine reelle Möglichkeit“, sagt Fischer. Selbst für Messe- und Ausstellungsbesuche könnten künftig Visa und Arbeitserlaubnisse notwendig werden. Für Messeequipment wird voraussichtlich ein Carnet ATA erforderlich, das bei der örtlichen IHK erhältlich ist.

Zum Original-Artikel

Der Wegfall der freien Arbeitsmigration zwischen Vereinigtem Königreich und EU nach dem Brexit ist eine reelle Möglichkeit.

KARL MARTIN FISCHER, GTAI-Rechtsexperte

Sie bekommen das Update noch nicht?

Melden Sie sich hier an und bleiben Sie stets informiert.