@HTAI, 12.05.2021 Hessen Trade & Invest

Resilienz ist auch eine Frage des Standorts

Der hessische Hersteller von Schweißtechnik mit Sitz nahe Gießen ist eine dieser mittelständischen Erfolgsgeschichten, die leise ihren Weg gehen und dabei doch einiges zu erzählen haben. Hessen-Champion der Kategorie Weltmarktführer, 38 Standorte weltweit, einer davon nahe Manchester in Großbritannien, eine Pandemie und der Brexit – wir haben bei Philip Röhrig, Global Supply Chain Manager bei ABICOR BINZEL, nachgefragt, wie man da die Bälle in der Luft hält.

Philip Röhrig, Global Supply Chain Manager bei ABICOR BINZEL.
In Buseck hat man nicht nur die Herausforderung Brexit im Griff. Philip Röhrig, Global Supply Chain Manager bei ABICOR BINZEL im Interview. © Frank Wiegand
Herr Röhrig, nun ist es bald ein halbes Jahr, dass die Übergangsphase vorbei ist und Großbritannien den Europäischen Binnenmarkt verlassen hat. Was nehmen Sie im Unternehmen mit Blick auf Großbritannien wahr?

Das ist tatsächlich recht unaufgeregt: Wir nehmen keine großen Veränderungen wahr. Wir haben uns gerade in den letzten sechs Monaten des Jahres 2020 intensiv auf diese Situation vorbereitet. Dazu gehört etwa, dass wir die Lagerbestände in unserem Lager in Warrington, in Großbritannien, aufgefüllt haben. Somit waren wir bisher nahtlos lieferfähig. Der einzige Unterschied sind vielleicht seltene zeitliche Verzögerungen beim Transport, aber auch die waren marginal.

Gerade die Vorbereitung ist manchem Unternehmen im Vorfeld schwergefallen, oft wurde Planungsunsicherheit als Grund genannt. Was meinen Sie, was Ihnen eine so gute Vorbereitung ermöglicht hat?

Ein Vorteil ist sicher, dass wir als Unternehmen weltweit tätig sind, somit auch außerhalb der EU, und Erfahrung im Handel mit Drittstaaten haben. Und ganz praktisch im Alltag helfen Werkzeuge wie die digitale Anbindung an den Zoll. Unsere Erfahrung war ein Vorteil bei den Vorbereitungen, und im Rückblick kann ich mich nicht erinnern, dass wir zu irgendeinem Zeitpunkt im Brexit-Prozess sehr verunsichert waren. Ich denke, Planungsunsicherheit gab es in allen Unternehmen, das ließ sich ja aber nicht ändern.

Bei aller guten Vorbereitung – was sind Themen, die Sie im Unternehmen mit Blick auf den Brexit beschäftigen?

Da fällt mir sofort das Thema Normierung ein. Noch ist es zu früh im Prozess, wir sind mit der europäischen CE-Kennzeichnung und der neuen UKCA ja noch sehr nah beieinander, es wird aber zu beobachten sein, wie sich das verändert. Produktkennzeichnungen sind generell ein Thema, das wir im Auge behalten, denn oft sind es kleine Details, die am Ende aufhalten.

In Bezug auf den Warenverkehr ist unsere Wahrnehmung, dass die Probleme weniger beim Warenverkehr aus der EU nach Großbritannien liegen, sondern dass es andersherum, aus Großbritannien heraus, oft Schwierigkeiten gibt.

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein? Unternehmen nennen oft das Thema der Mitarbeiterentsendung als eine Schwierigkeit in der Post-Brexit-Zeit. Mit einem Standort in UK: Ist das für Sie im Unternehmen ein Thema?

Wir rechnen eigentlich mit einer weiteren Normalisierung. Großbritannien ist ja viel mehr Finanz- und Handelsplatz als Produktionsstandort. Bezogen auf unser Geschäft rechnen wir da nicht mit großen Stolpersteinen. Und auch der Wegfall der Freizügigkeit in der Mitarbeiterentsendung ist für uns bisher kein heißes Thema und man muss dazu sagen, dass sich das durch die aktuelle Pandemie-Lage ja auch erst einmal verschoben hat.

Unsere Wahrnehmung ist, dass die Probleme weniger beim Warenverkehr aus der EU nach Großbritannien liegen, sondern dass es andersherum, aus Großbritannien heraus, oft Schwierigkeiten gibt.

PHILIP RÖHRIG, Global Supply Chain Manager bei ABICOR BINZEL

Was sind Themen jenseits des Brexit, die Sie im Unternehmen aktuell beschäftigen?

Das ist natürlich zum einen das Thema der Pandemie und was das für den Unternehmensalltag bedeutet, daneben sind es die großen Themen wie die Digitalisierung, die uns beschäftigen. Immer mehr Prozesse werden digitalisiert, man betrachte nur den Austausch mit dem Zoll und die Vernetzung unserer Standorte. Das ist etwas, woran wir kontinuierlich arbeiten. Dann ist da auch der Green Deal, denn auch das Thema Nachhaltigkeit wollen wir bei der Ausrichtung neuer Prozesse berücksichtigen.

Grundsätzlich merken wir, unabhängig von den Themen, die den Unternehmensalltag beeinflussen, seien das Pandemie, Brexit, Green Deal oder Digitalisierung, dass wir als Unternehmen in Hessen gut aufgehoben sind. Die zentrale Lage und die außerordentlich gute Infrastruktur fangen einiges auf, was vielleicht schwieriger sein könnte.

Herr Röhrig, wir danken für das Gespräch!

Grundsätzlich merken wir, dass wir als Unternehmen in Hessen logistisch einfach sehr gut aufgehoben sind. 

PHILIP RÖHRIG, Global Supply Chain Manager bei ABICOR BINZEL

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