TOP

Sehr geehrte Leserinnen und Leser, 

eine wichtige Etappe ist geschafft: Seit diesem Monat liegt nun ein Vertragsentwurf zum EU-Austritt Großbritanniens vor. Auf 585 Seiten wird festgehalten, wie der EU-Austritt geregelt werden könnte.

Doch die Verhandlungen um den Vertragsentwurf waren zäh, gerade auf britischer Seite, und es bleibt abzuwarten, was der EU-Sondergipfel am 25. November im Ergebnis bringt. Wir nutzen die Wartezeit und laden Sie zu einem Blick hinter die Kulissen ein, der zeigt, wie Unternehmen, Verbände und Akteure die letzten zwei Jahre für ihre Brexit-Vorbereitungen genutzt haben und welche Themen sie bewegen.

So haben wir für dieses Brexit Update mit Séverine Féraud gesprochen, Senior Manager Corporate and Government Relations Europe bei Merck in Darmstadt. Sie sprach mit uns über wichtige Perspektivwechsel und die beruhigende Wirkung des Pragmatismus in Brexit-Fragen.

Anne Meister, politische Referentin beim Verband der Chemischen Industrie Hessen (VCI), hat uns einen spannenden Einblick in die Stimmungslage eines der wichtigsten Industriezweige Hessens gegeben.

Und wir geben einen Überblick, wo die Brexit-Verhandlungen tatsächlich stehen und was die offenen Fragen sind, nur noch rund vier Monate vor dem Austritt.

Ich wünsche Ihnen eine informative Lektüre.

Ihr Dr. Rainer Waldschmidt,
Geschäftsführer Hessen Trade & Invest GmbH

Dr. Rainer Waldschmidt © Christof Mattes

Bei all den offenen Fragen und Ungewissheiten ist es hilfreich auch auf das zu schauen, was funktioniert.

DR. RAINER WALDSCHMIDT, Geschäftsführer Hessen Trade & Invest GmbH

Stimmen zum Brexit

@HTAI, 20.11.2018 Stimmen zum Brexit

Von den Großen lernen: Pragmatismus im Brexit-Chaos

Lange war alles in der Schwebe, nun liegt der finale Vertragsentwurf vor, der auf über 500 Seiten darlegt, wie der Austritt Großbritanniens aus der EU geregelt werden könnte. Ein guter Zeitpunkt, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und zu schauen, wie sich hessische Unternehmen, die in ihrem Geschäft direkt vom EU-Austritt Großbritanniens betroffen sind, trotz aller Ungewissheit auf das Unvermeidliche vorbereitet haben.

Séverine Féraud, Senior Manager Corporate and Government Relations Europe, Merck
Séverine Féraud, Senior Manager Corporate and Government Relations Europe, Merck© Salome Roessler

Wer sich dieser Tage in Darmstadt am Ursprungssitz von Merck umschaut, wird einen Unterton der Ausgelassenheit wahrnehmen. Auslöser ist der farbenfrohe Zeltbau M-Sphere, den das Unternehmen anlässlich seines 350-jährigen Bestehens als temporären Veranstaltungsort errichtet hat.

Die gut gelaunte Farbigkeit schmückt nicht nur das Jubiläumsjahr, sie ist Ausdruck eines innovativen Geistes, der sich durch diesen Besuch bei einem von Hessens größten Familienunternehmen zieht. Spürbar wird das denkerische Über-den-Tellerrand-Schauen auch im neuen Merck Innovation Center. Hier treffen wir Séverine Féraud, Senior Manager Corporate and Government Relations Europe, zum Gespräch. Zwischen Videoinstallation, lebendiger Architektur und Start-up-Geist lässt es sich leichter reden – über ein Thema, das für viele Unternehmen vor allem mit zu vielen Fragezeichen verbunden ist: „Wie bereiten wir uns auf den Brexit vor?“

Interview mit Séverine Féraud, Senior Manager Corporate and Government Relations Europe, Merck
Die studierte Politologin erstellt Analysen und erläutert mögliche Szenarien, eine wichtige externe Perspektive für die Vorbereitungen des Unternehmens auf den Brexit.© Salome Roessler
Séverine Féraud, Senior Manager Corporate and Government Relations Europe, Merck
© Salome Roessler
Den Blick von außen nutzen

Dass wir uns mit Séverine Féraud treffen, ist eine Fortsetzung der innovativen Denkansätze und des Muts, neue Wege zu gehen, dem sich Merck verschrieben hat. Auch in Bezug auf den Brexit.

Die Politologin war nach der Arbeit für NGOs und Gewerkschaften auch in der Verbandsarbeit für die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände in Brüssel tätig, wo einer ihrer Themenschwerpunkte die Arbeitnehmerfreizügigkeit war. Diese politische Expertise bringt sie nun in die Brexit-Task-Force ein, die von Merck 2017 eingerichtet wurde. Damals wurde deutlich, dass der Verhandlungsprozess nicht eindeutig verlaufen wird und Unternehmen selbst in die Verantwortung genommen werden, sich auf die unterschiedlichen potenziellen Brexit-Szenarien vorzubereiten.

Hier setzt Frau Féraud an, sie erstellt Analysen und gibt Hintergrundinformationen über aktuelle Entwicklungen der Brexit-Verhandlungen und deren mögliche Auswirkungen. Und schafft es dabei, auch einen Blick von außen zu wahren, der nicht verstellt ist durch die Anforderungen des Tagesgeschäfts, das für viele Unternehmen meist alle Ressourcen bindet: „Wenn wir über den Brexit sprechen, geht es meist darum, dass ein Austrittsabkommen verabschiedet werden muss. Die positive Botschaft war dann immer, dass dieses Abkommen zu 95% steht. Was in der Diskussion aber zu wenig Beachtung findet, ist, dass das Abkommen nicht die endgültige Ziellinie ist. Es gibt ein Ziel nach dem Ziel: die rechtzeitige Ratifizierung des Abkommens durch die Europäischen Institutionen und nationale Parlamente. Ob dies gelingt – da denke ich insbesondere an den „Wackelkandidaten“ britisches Parlament – ist unklar.“

Es sind mahnenden Töne, die es gerade dann braucht, wenn einen der Verhandlungsstillstand zum Abwarten verleiten will. Neben der politischen Ebene gibt es aber auch die menschliche. Rund 1.500 Mitarbeiter arbeiten an 14 Merck-Standorten im Vereinigten Königreich. Viele der Mitarbeiter sind EU-Bürger und als Unternehmen will man seiner Verantwortung nachkommen, hier Informationen und Strategien präsentieren zu können. An diesem Punkt durchkreuzt der schwerfällige Prozess der Austrittsverhandlungen das unternehmerische Verantwortungsbewusstsein.

Die positive Botschaft ist dann immer, dass dieses Abkommen zu 95% steht. Was in der Diskussion aber zu wenig Beachtung findet, ist, dass das Abkommen nicht die endgültige Ziellinie ist. Es gibt ein Ziel nach dem Ziel: die rechtzeitige Ratifizierung des Abkommens.

SEVERINE FERAUD, Senior Manager Corporate and Government Relations Europe, Merck

Merck KGaA Headquarter
Das Merck Innovation Center bietet Raum zum Neudenken.© Salome Roessler
Séverine Féraud, Senior Manager Corporate and Government Relations Europe, Merck
Die interaktive Light-Sound-Installation im Merck Innovation Center reagiert auf die physische Präsenz des Besuchers.© Salome Roessler
Merck KGaA Headquarter
Die M-Sphere bildet einen erfrischenden Kontrast am Standort Darmstadt.© Salome Roessler
Die Pharmaindustrie sieht Risiken

Mahnende Töne sind in der chemisch-pharmazeutischen Industrie mehr als angebracht. Bei den hessischen Exportgütern in das Vereinigte Königreich stehen chemische und pharmazeutische Produkte auf Rang zwei, 2017 entsprach dies einem Warenwert von 795 Millionen Euro. Ein Drittel davon entfällt auf pharmazeutische Produkte. Die hessische Pharma- und Chemieindustrie muss also alle möglichen Brexit-Risiken mit bedenken. Ein ungeordneter Brexit würde insbesondere bedeuten, dass die Zulassung vieler Arzneimittel gegebenenfalls nicht mehr sichergestellt werden kann. Bisher wurde jedes fünfte neue Arzneimittel für die EU bei der britischen Arzneimittelbehörde getestet. Mit dem Umzug der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA nach Amsterdam wird nun befürchtet, dass Zulassungsverfahren bis zum März 2019 nicht rechtzeitig abgeschlossen werden können, zumal die noch ungeregelten Absprachen für die Übergangszeit zu einem sprunghaften Anstieg der Zulassungsverfahren führen könnten.

Bei Merck werden diese Risiken schon länger auch öffentlich angesprochen. So zitiert Séverine Féraud ihren CEO Stefan Oschmann, dieser hatte schon im April gewarnt: „Wir dürfen keine Versorgungsengpässe bei wichtigen Medikamenten durch unterschiedliche Standards riskieren.“

Die Zahlen, die der Pharmaverband EFPIA für den Industriezweig benennt, machen deutlich, dass der Brexit da zu einem persönlichen Thema wird, wo Menschen auf bestimmte Medikamente angewiesen sind: Jeden Monat überqueren 45 Millionen Packungen Medikamente den Ärmelkanal in Richtung Kontinental-Europa, in die andere Richtung werden monatlich 35 Millionen Verpackungen nach Großbritannien transportiert. Werden hier nicht zeitnah die administrativen Weichen gestellt, kann dies in der Konsequenz durchaus Engpässe in der Patientenversorgung bedeuten.

Ein unkontrollierter Brexit könnte aber auch schwerwiegende Auswirkungen auf die Lieferketten haben. Denn REACH – eine der komplexesten EU-Gesetzesmaterien in der Registrierung und Zulassung von chemischen Stoffen, die deren Verkehrsfähigkeit in der EU voraussetzt – würde ihre Geltung im Vereinigten Königreich verlieren.

Wir dürfen keine Versorgungsengpässe bei wichtigen Medikamenten durch unterschiedliche Standards riskieren.

STEFAN OSCHMANN, CEO Merck

Merck KGaA Headquarter
© Salome Roessler
Merck KGaA Headquarter
© Salome Roessler
Merck KGaA
Ein neues Corporate Design trägt den innovativen Geist bei Merck.© Salome Roessler
Durchatmen, pragmatisch bleiben

In den großzügigen Räumen des Merck Innovation Center scheint die angespannte Stimmung Brüsseler Verhandlungstische weit weg. Hier sind die Zeichen auf Zukunft gestellt, junge Start-ups arbeiten angeregt mit Mentoren aus der Merck-Belegschaft und neue Technologien verbinden sich mit gewohnten Arbeitsabläufen zu etwas, das eine beruhigende Bewegung ausstrahlt. Der Umgangston ist lebhaft, entspannt. Der richtige Rahmen für eine Botschaft, die uns Séverine Féraud noch mit auf den Weg gibt: „Wir sollten uns nicht verrückt machen, Herr Oschmann hat gut in Worte gefasst, was es jetzt braucht: Wir können den Brexit nicht abwenden – aber wir können ihn managen. Und das sollten wir auch. Ein unaufgeregter Pragmatismus, der die langfristigen Interessen beider Seiten berücksichtigt, erscheint mir dabei als der vielversprechendste Weg.“


Wir können den Brexit nicht abwenden – aber wir können ihn managen.

SEVERINE FERAUD, Senior Manager Corporate and Government Relations Europe, Merck


Merck KGaA Headquarter
Merck-Stammsitz im hessischen Darmstadt.© Salome Roessler

Unternehmensinformation

Die Merck KGaA hat ihre Anfänge in einer Apotheke, die 1668 von Friedrich Jakob Merck in Darmstadt gegründet wurde. 350 Jahre später ist das international tätige Wissenschafts- und Technologieunternehmen noch immer mehrheitlich in Familienbesitz. Am Stammsitz in Darmstadt sind heute rund 11.000 Mitarbeiter tätig, ein Fünftel der weltweiten Belegschaft, die sich über 150 Standorte und Regionen verteilt. Das hessische Unternehmen ist unter anderem bekannt für seine biopharmazeutischen Therapien zur Behandlung von Krebs oder Multipler Sklerose, sowie die Herstellung von Flüssigkristallen für Smartphones oder LCD-Fernseher.

Zur Website von Merck


@HTAI, 20.11.2018 Stimmen zum Brexit

Eine erfolgreiche Branche stark halten: Interview mit Anne Meister, VCI Hessen

Manch einer nennt Hessen die Apotheke Deutschlands: Die chemisch-pharmazeutische Industrie ist mit gut 60.000 Beschäftigten und 26 Milliarden Umsatz einer der stärksten Motoren der hessischen Wirtschaft. International führende Unternehmen wie Merck, Evonik, Clariant oder Sanofi-Aventis sind hier verwurzelt. Was denkt die Branche über den Brexit? Welche Fragen müssen jetzt beantwortet werden? Anne Meister, Referentin für politische Kommunikation beim Verband der Chemischen Industrie Hessen (VCI), hat uns einen Einblick in eine spannende Branche gegeben.

Anne Meister, Referentin für politische Kommunikation beim Verband der Chemischen Industrie (VCI) Hessen© VCI Hessen
Frau Meister, welchen Bezug haben Sie zum Thema Brexit und was ist Ihr Hintergrund, der Sie zu einer so wichtigen Ansprechpartnerin für dieses Thema im VCI macht?

Vor meiner Arbeit für den VCI war ich acht Jahre in Brüssel tätig, die letzten drei davon für die BDA, die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände. Für die deutsche Wirtschaft ist Brexit definitiv ein Thema. Seit das Thema virulent ist, habe ich mich intensiv damit beschäftigt, wenn auch anfangs aus einer mehr arbeitsrechtlichen Perspektive. Für den VCI bin ich heute damit beschäftigt, die spezifischen Informationen und Entwicklungen für die chemisch-pharmazeutische Industrie im Blick zu behalten. Und auch ganz persönlich finde ich es ein hoch spannendes, wenn auch mitunter frustrierendes Thema.

Welchen Eindruck haben Sie von der Stimmung auf Unternehmensseite, bezogen auf den Brexit?

Wir erhalten nicht von allen Unternehmen eine Rückmeldung, aber wir wissen, dass gerade in kleineren Unternehmen das Tagesgeschäft die Ressourcen so stark bindet, dass verständlicherweise wenig Raum bleibt, sich umfassend mit dem Thema Brexit zu beschäftigen. Größere Unternehmen sind da sichtbarer in ihrer Brexit-Kommunikation und Vorbereitung, weil sie andere Möglichkeiten zur Verfügung haben, z.B. in der Zollabwicklung.

Etwas mehr als zwei Jahre nach der Entscheidung ist noch immer vor allem Bedauern über das Brexit-Referendum zu hören, wobei unterschwellig greifbar ist, dass oftmals der Eindruck vorherrscht, es werde schon zu einer Einigung kommen. Darauf sollte man sich aber vielleicht nicht verlassen. Beim VCI sehen wir es deshalb als unsere Aufgabe unseren Mitgliedern möglichst umfassende Informationen zur Verfügung zu stellen und eine Sensibilisierung für das Thema und seine anhaltende Brisanz zu schaffen. Ein konkretes Beispiel dafür ist etwa die Möglichkeit, dass Lieferketten von einem ungeregelten Brexit betroffen sein könnten. Wenn man als Unternehmen dies noch nicht im Blick hatte, ist es spätestens jetzt an der Zeit, sich vorzubereiten. Da wirken wir als Verband unterstützend, indem wir solche Informationen bündeln und verfügbar machen. Das entlastet im Tagesgeschäft.

Was wir erleben, ist, dass auf Arbeitsebene gerade im letzten halben Jahr einiges in Bewegung geraten ist. Da ist das Thema Lagerbestände zu nennen: manche Unternehmen haben begonnen Lager anzumieten, um bei einem harten Brexit Versorgungsengpässen vorzugreifen. Ebenso relevant ist das Thema REACH, die Europäische Chemikalienverordnung zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe. Hier müssen ursprünglich über das Vereinigte Königreich eingereichte Stoffregistrierungen in die EU-27 übertragen werden, um auch nach dem 29. März 2019 weiterhin im europäischen Binnenmarkt verwendbar zu sein.

Beim VCI sehen wir es deshalb als unsere Aufgabe unseren Mitgliedern möglichst umfassende Informationen zur Verfügung zu stellen und eine Sensibilisierung für das Thema und seine anhaltende Brisanz zu schaffen.

ANNE MEISTER, Referentin für politische Kommunikation beim Verband der Chemischen Industrie (VCI) Hessen

Stichwort Zulassungen, wie ist da die Stimmungslage?

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat eine Studie vorgestellt, aus der hervorgeht, dass es mit dem Brexit Engpässe bei rund 108 zugelassenen medizinischen Produkten geben könnte, da Anträge bei der EMA nicht rechtzeitig eingereicht werden können. Wobei man sagen muss, dass dies Produkte aus dem Vereinigten Königreich betrifft, die dann nicht mehr auf dem europäischen Markt verfügbar sind. Neben der Verlagerung von Arzneimittelzulassungen werden auch Qualitätskontrollen in einen EU-27 Mitgliedsland verlagert werden müssen. Aber das sind alles Prozesse, die bereits in Bewegung sind. Das ist grundsätzlich zu beobachten: Es herrscht eine gewisse Unruhe, aber keine Panik.

Und die Unruhe bezieht sich vor allem darauf, dass die politischen Entscheidungsträger zu keiner feststehenden Lösung kommen und es tatsächlich auf eine Entscheidung in letzter Minute hinauslaufen könnte – oder eben gar keiner. Das widerspricht natürlich dem Bedürfnis der Unternehmen nach Planungssicherheit.

Was genau ist das Angebot des Verbandes an die Unternehmen?

Wir schaffen vor allem Aufmerksamkeit. Das heißt, wir weisen auf Themen und sensible Bereiche hin, die Unternehmen jetzt für sich klären sollten. Unsere Mitglieder haben nicht alle dieselbe Betroffenheit aufgrund ihrer unterschiedlichen Geschäftsmodelle. Gleichwohl sollten Bereiche wie Lieferketten und Vertragspartnerabsprachen oder auch die Themenkomplexe REACH und Zulassungen von Arzneimitteln und medizinischen Produkte auf ihre Anfälligkeit geprüft werden. Hier bieten wir zu einzelnen Themen auch Veranstaltungen an, die sehr erfolgreich sind. Wir können natürlich keine Kristallkugel liefern, aber wir können sensibilisieren. Wir verweisen auch gerne auf den Leitfaden des BDI, der mit 111 Orientierungsfragen eine gute Basis bietet, um Schwachstellen in der Brexit-Vorbereitung des eigenen Unternehmens aufzudecken.

Wie ich es eingangs auch schon sagte: Wir sollten im Blick behalten, dass eine finale Einigung nicht rechtzeitig zustande kommt. Meine Botschaft an die Unternehmen ist immer: Bereiten Sie sich jetzt vor, damit am 30. März 2019 kein böses Erwachen droht. 

Frau Meister, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Es herrscht eine gewisse Unruhe, aber keine Panik.

ANNE MEISTER, Referentin für politische Kommunikation beim Verband der Chemischen Industrie (VCI) Hessen

Hessen Trade & Invest

@HTAI, 05.11.2018 Hessen Trade & Invest

Mit Spannung erwartet, im Ergebnis enttäuschend

Die Hoffnungen waren groß: Im Rahmen der Oktobersitzung des EU-Rats sollte endlich eine deutliche Weichenstellung zur Gestaltung des Brexit-Austrittsabkommens erzielt werden. Der bis kurz zuvor geäußerte Optimismus wurde enttäuscht.

Brexit sorgt für Stimmungstief in London.

Die Hoffnung bleibt, dass etwas in Bewegung kommt. Doch aktuell scheint es, dass Stillstand dominiert: Am Vorabend der EU-Ratstagung vom 18. Oktober 2018 kamen die Staats- und Regierungschefs der EU-27 zusammen, um im Rahmen eines Arbeitsessens den Stand der Brexit-Verhandlungen über ein Austrittsabkommen mit dem Vereinigten Königreich zu prüfen. Vorab referierte die britische Premierministerin Theresa May in 15 Minuten ihre Sicht auf den aktuellen Verhandlungsstand. Das Ergebnis der anschließenden Diskussion der EU-27 war einmal mehr ernüchternd. Die offizielle Bilanz lautet, dass trotz intensiver Verhandlungen noch keine ausreichenden Fortschritte erzielt wurden.

Trotz intensiver Verhandlungen wurden noch keine ausreichenden Fortschritte erzielt.

Europäischer Rat

Darum ein Austrittsabkommen

Das zu verhandelnde Austrittsabkommen regelt die Übergangsfrist, die auf den offiziellen Austritt Großbritanniens aus der EU folgt. Ursprünglich bis zum Jahresende 2020 geplant, zeichnet sich in der Frage der Übergangsfrist Kompromissbereitschaft der EU in Form einer Fristverlängerung ab. Eine Ausweitung der Übergangsfrist von zwei auf drei Jahre soll helfen, die negativen Folgen eines ungeordneten Brexits abzuschwächen. Die Verhandlungen um das Austrittsabkommen bleiben auch deshalb kompliziert, weil es Premierministerin Theresa May an Rückhalt fehlt und sie in London auf Widerstand gegen diskutierte Lösungsansätze stößt.

Tatsächlich gibt es so wenig Bewegung in den Verhandlungen um das Austrittsabkommen, dass auch der für November geplante EU-Sondergipfel vorerst nicht stattfinden wird. Weitere Verhandlungen würden verschoben, bis EU-Chefunterhändler Michel Barnier Fortschritte in der Irland-Frage berichten könne.

Stolperstein (nord-)irische Grenze

Es ist und bleibt der wichtigste Streitpunkt: die Frage, wie zukünftig die Grenze zwischen EU-Mitgliedsland Irland und dem zu Großbritannien gehörenden Nordirland geregelt werden soll. Ein Vorschlag der Regierung May lautete, Nordirland solle, im Gegensatz zum Rest Großbritanniens, Teil des EU-Binnenmarktes bleiben, um Grenzkontrollen auf der irischen Insel zu vermeiden. Das würde aber bedeuten, dass die Grenzkontrollen sich verschieben und zwischen Nordirland und Großbritannien stattfinden würden, was wiederum die britische Regierung als Angriff auf die Souveränität des Landes wertet und ablehnt. 

EU-Chefunterhändler Barnier hat nun die uneingeschränkte Unterstützung der EU-27, um in dieser Frage Bewegung zu erzielen.

Vorbereitungen auf ein No-Deal-Szenario

EU-Mitgliedsstaaten wie die Niederlande bereiten sich nun aktiv auf ein No-Deal-Szenario vor. Mark Rutte, Ministerpräsident der Niederlande, sieht sein Land besonders betroffen, da ein Großteil des Handelsvolumens mit Großbritannien über den Hafen von Rotterdam abgewickelt wird. Gibt es keine Einigung zu den zukünftigen Handelsbeziehungen, muss Vorsorge getroffen werden – wie die Einstellung neuer Zollbeamter.

Brexit-Notgesetze in Planung

Ein Thema, das im Zuge eines unregelmäßigen Brexits brisant wird, sind Finanzgeschäfte aller Art zwischen EU-Bürgern und Großbritannien. Der Präsident der BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) Felix Hufeld warnte Ende August, dass ein harter Brexit in hunderttausende Verträge eingreifen und eine gravierende Unsicherheit verursachen könnte, wenn nicht deutlich geklärt sei, wie Finanzinstitute jeweils im anderen Land operieren dürften. Hier müsste gegebenenfalls die Aufsichtsbehörde kurzfristig mit Notmaßnahmen gegensteuern. Die EU-Kommission hat sich zum Umgang mit Finanzgeschäften im Zuge eines ungeregelten Brexits noch nicht geäußert. Gleichzeitig läuft die Uhr weiter, es bleibt wenig Zeit, um entsprechende Brexit-Notstandgesetze vorzubereiten. Deshalb bereiten sich parallel auch die EU-Mitgliedsstaaten vor. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Bundesbank und der Finanzaufsicht BaFin prüft das Bundesfinanzministerium, ob die deutschen Geldinstitute in ausreichendem Maße gerüstet sind. 

Hessen nimmt Brexit-Vorbereitungen ernst

Auch in Hessen antwortet man mit Taten auf den uneindeutigen Verlauf der Brexit-Verhandlungen. Die hessische Landesregierung hat ein eigenes Brexit-Übergangsgesetz auf den Weg gebracht, das regelt, dass Großbritannien auch nach dem EU-Austritt für eine Übergangszeit in Hessen im Großen und Ganzen wie ein EU-Mitglied behandelt wird.

„Wir müssen jetzt konkrete Vorkehrungen wie das Brexit-Gesetz treffen, um sicherzustellen, dass der Wirtschaftsstandort Hessen auch bei einem ungeregelten Austritt handlungs- und wettbewerbsfähig bleibt“, begrüßt Dr. Rainer Waldschmidt, Geschäftsführer Hessen Trade & Invest GmbH (HTAI), die hessische Initiative.

Nicht nur in der Gesetzgebung, auch auf anderen Ebenen, wie etwa dem Wissens- und Erfahrungsaustausch im Rahmen der hessischen Unternehmerreisen nach Großbritannien, bleibt man bei der HTAI konstruktiv und arbeitet an einem Ausbau der Kontakte. Zuletzt reiste eine Unternehmerdelegation im September nach London, Europas Hotspot für künstliche Intelligenz. „Großbritannien verfügt über einzigartige Kompetenzzentren, die auch zukünftig nicht an Innovationsfähigkeit einbüßen werden. Hier müssen wir im engen Austausch bleiben, um auch über einen EU-Austritt hinaus tragfähige Beziehungen aufzubauen“, betont Dr. David Eckensberger, Abteilungsleiter Internationale Angelegenheiten bei der HTAI, die Bedeutung des persönlichen Austauschs gerade in Zeiten unsicherer Verhandlungsentwicklungen.

Wir müssen jetzt konkrete Vorkehrungen wie das Brexit-Gesetz treffen, um sicherzustellen, dass der Wirtschaftsstandort Hessen auch bei einem ungeregelten Austritt handlungs- und wettbewerbsfähig bleibt.

DR. RAINER WALDSCHMIDT, Geschäftsführer Hessen Trade & Invest GmbH

Information

@HTAI

Basiswissen in Stichworten

Die Verhandlungen rund um den Brexit werfen immer wieder neue Fragen auf. In relevantem Basiswissen rund um den Brexit wollen wir erklären, was bleibt, was sich ändern könnte und was nun wichtig wird im Verhältnis der Handelspartner Europäische Union und Vereinigtes Königreich.

Diesmal erklärt: Artikel 50 des Vertrags über die Europäische Union, REACH-Verordnung, Europäische Arzneimittel-Agentur EMA



@HTAI

Veranstaltungen zum Thema Brexit

Die wichtigsten Veranstaltungen zum Thema Brexit auf einen Blick. Bleiben Sie informiert, diskutieren Sie mit.

Zur Veranstaltungs-Übersicht

06.12.2018

Lunch Seminar „The Future of EU Financial Services after Brexit“

The “Ministry of Economics, Energy, Transport and Regional Development of the State of Hessen” in cooperation with “The German-British Chamber of Industry & Commerce” cordially invites you to a Lunch Seminar on “The Future of EU Financial Services after Brexit”. 

Die Veranstaltung findet in englischer Sprache statt.
Veranstaltungsort: Grange St Paul’s Hotel, 10 Godliman St, London

Programm

Informationen und Anmeldung


19.12.2018

Stadtführung „Spurensuche in Bankenfurt – der Brexit in der Stadt am Main“

Der Brexit ist in aller Munde. Bei dieser Tour erfahren Sie den aktuellen Stand rund um das Thema. Aber auch, warum Frankfurt den Namen Bankenfurt verdient. Gehen Sie mit unserem Guide, dem ehemaligen Banker Till Fischer, auf eine Spurensuche nach der finanziellen Seele der Stadt. Wo kommt das Bankenwesen her, wie ist es aktuell und durch den anstehenden Brexit – wo geht es vielleicht hin ...

Treffpunkt: 15 Minuten vor Beginn vor dem Gerechtigkeitsbrunnen auf dem Römerberg, Frankfurt am Main

Informationen und Anmeldung